COVID-19 ist kein Notfall

Herkömmliche Notfallpläne sind nutzlos

Seit einigen Tagen werden nun die möglichen Auswirkungen des neuen Coronavirus auf die Wirtschaft langsam sicht- oder wenigstens vorstellbar. Was ich aus einer Risikomanagement-Perspektive da sehe, macht mir Sorgen. Ich befürchte, dass die große Mehrzahl aller Notfallpläne in diesem Szenario die Unternehmen nicht wirksam vor längeren Unterbrechungen der Geschäftstätigkeit schützen können. Warum? Es sind die Grundannahmen, die Notfallplänen üblicherweise zugrund liegen. Sie gehen nämlich immer von zwei Rahmenbedingungen aus: die Bedrohung ist endlich und jede Ressource ist ersetzbar. Beides trifft auf die durch das neue #Coronavirus ausgelöste Situation nicht zu – COVID-19 ist kein Notfall im Sinne herkömmlicher Notfallpläne, sondern eine grundlegende Veränderung der Risikosituation und damit der unternehmerischen Rahmenbedingungen.

Die Bedrohung wird bleiben

„Normale“ Notfälle haben den Vorteil, dass sie sich grundsätzlich wie ein Projekt managen lassen. Sie haben einen definierten Anfang und ein definiertes Ende. Danach ist alles wie vorher, man muss nur schön den Notfallplan abarbeiten.

Die Bedrohung durch das neue Coronavirus hat aus heutiger Sicht kein Ablaufdatum. Wir müssen davon ausgehen, dass die Krankheit über die nächsten Jahre zu einem Teil unseres Alltags werden wird. Bis zum Erreichen einer „Herdenimmunität“ werden nach Schätzungen führender Virologen etwa 60-70% der Bevölkerung die Krankheit einmal überstanden haben müssen. Es ist zu hoffen, dass dies so lange wie möglich dauert, um einen Zusammenbruch der medizinischen Versorgung (und der Wirtschaft?) zu verhindern. Wissenschaftler hoffen, dass sich das im Best Case über mindestens 2 Jahre hinzieht, wenn man es schafft, die Infektionsrate zu kontrollieren.

Hier kommen die in letzter Zeit immer wieder geforderten „Pandemiepläne“ der Unternehmen ins Spiel. Das ist aber Augenwischerei, denn so etwas haben – wenn überhaupt – nur Großunternehmen und Behörden und es musste noch nie einer dieser Pläne in der Praxis angewendet werden. Kleine und mittlere Unternehmen stehen dieser Lage in der Regel schutz- und planlos gegenüber.

Ressourcen sind begrenzt

Die vielleicht wichtigste Annahme in der herkömmlichen Notfallplanung ist die generelle Ersetzbarkeit jeder Ressource. Es gibt in dieser Logik immer einen anderen sicheren Ort, wo weitergearbeitet werden kann. Da ist immer ein anderer Lieferant oder Dienstleister – eine „second source“, die die primäre Quelle innerhalb von Stunden oder Tagen ersetzen kann. Es gibt immer einen Vertreter, der für den ausgefallenen Mitarbeiter aushelfen kann. Und vor allem gibt es immer noch irgendeinen Manager, der das Unternehmen steuern kann.

Nichts davon trifft zu, wenn die Bedingung der Endlichkeit der Bedrohung nicht gegeben ist. Dann ist jedes Büro unsicher, denn die Bedrohung ist der Mitarbeiter selbst. Alle Lieferanten und Dienstleister haben zeitgleich genau dieselben Probleme. Wenn unterschiedliche Lieferanten oder Dienstleister von denselben Lieferketten abhängig sind, gibt es keine „second source“. Welches Unternehmen kann schon überprüfen, von welchen Lieferanten seine primäre und sekundäre Quelle möglicherweise abhängig sind?

COVID-19 zeigt uns mit großer Brutalität die Bedeutung, aber auch die Grenzen des herkömmlichen Risikomanagements auf. Plötzlich bekommen all die abstrakten Eintrittswahrscheinlichkeiten und Risikoerwartungswerte eine konkrete Bedeutung.

Jetzt noch Vorkehrungen treffen!

Auch momentan können Unternehmen sich auf den in einigen Monaten kommenden Höhepunkt der Infektionszahlen noch vorbereiten. In meinem nächsten Beitrag finden Sie einen 10-Punkte-Plan für den Kampf gegen das Virus, den für jedes Unternehmen sinnvolle Maßnahmen zur Reduzierung des Risikos beinhaltet.

Nach der Krise ist vor der Krise

Erst nach überstandener Krise werden wir wissen, wie die Dinge sich entwickelt haben. Dann ist die Frage zu klären, was sich an Erkenntnissen für die Zukunft daraus ableiten lässt. Es gibt dann sicher viel Diskussionsbedarf – von den Risiken globaler Lieferketten bis hin zu Kultur und Arbeitsweise von Organisationen.

Bis dahin: Bleiben Sie gesund!

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